Nr. 229

Verbindlichkeit ist wichtig bei Neurodivergenz!

Nein, ich möchte jetzt nicht über Begriffsdefinitionen diskutieren. Ich behandele in meiner Praxis bereits seit über zwölf Jahren neurodivergente Menschen und weiß, dass Sie gleich anmerken werden, dass es die Neurodivergenz noch gar nicht so lange gibt. Doch, es gibt sie sogar schon viel länger. Allerdings unter anderen Namen. Seien es pauschal Wahrnehmungsdefizite oder konkreter auditive, visuelle oder taktile Wahnehmungsverarbeitungsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS oder Entwicklungsverzögerungen schulischer oder sprachlicher Fertigkeiten. Unter dem Begriff der Neurodivergenz werden viele Symptome zusammengefasst, um all diese Besonderheiten in ein besseres Licht zu rücken. Ich halte das für sinnvoll, denn auch wenn die Reaktionen der Betroffenen für ihr Umfeld sehr seltsam und manchmal sehr anstrengend sein können, sind es keine Marotten, sondern unterschiedliche Arten, Sinnesreize aufzunehmen und zu verarbeiten. Da das Ergebnis dieser Verarbeitung Gefühle sind, sind die Reaktionen für Außenstehende manchmal äußerst ambivalent. Gerade bei Kindern wird dann gerne mal mit Erziehungsversuchen reagiert, die das Thema meist noch schlimmer machen.

Organisch gesund

Wenn sich ein Kind beispielsweise mit dem Lesen schwer tut ist es naheliegen, einen Augenarzt zu konsultieren. Meiner Erfahrung nach sind die Sinnesorgane typischerweise völlig gesund. Zum Glück! Allerdings erfordert ein guter Seheindruck gute Teamarbeit der einzelnen Sehfunktionen. Ist das nicht der Fall, kann es beispielsweise passieren, dass Buchstaben tanzen oder auch mal verschwinden. Stelle ich das in meiner Praxis fest und spreche es darauf an, stellen die Eltern dem Kind meist die gleiche Frage: „Weshalb hast du das noch nie gesagt?“ Nun, für das Kind ist es der ganz normale Seheindruck. Ist eben immer so. Woher sollte es also wissen, dass es auch leichter gehen könnte?

Ständige Alarmbereitschaft

Je klüger ein Kind ist, desto mehr „Gehirnschmalz“ kann es in die Kompensation seiner Defizite stecken. Allerdings benötigt es dafür mehr Zeit, Kraft, Ausdauer und Konzentration, die für andere Aufgaben nicht mehr zur Verfügung stehen. Da macht natürlich Stress und ist einer der Faktoren, weshalb betroffene, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, in ständiger Alarmbereitschaft sind. Ihr Nervensystem wittert überall Gefahr. Das liegt unter anderem daran, dass sie ganz alltägliche Reize nicht regelhaft verarbeiten können und sie zum Beispiel als zu laut, zu grell oder zu schmerzhaft empfinden, sprich sie sind überempfindlich. In die andere Richtung kann es allerdings auch gehen. Dann braucht das Kind starke, manchmal sogar extreme Reize, um sich selbst zu spüren.

Unsicherheit

Wie gesagt, die Kinder sind typischerweise klug und merken sehr wohl, dass ihnen Dinge einfach nicht gelingen wollen, die für andere gar kein Thema sind, dass sie anders reagieren, als es von ihnen erwartet wird und können sich deshalb in ihrer Klasse fremd fühlen. Angst ist ihr ständiger Begleiter und noch dazu mögen sie keine Veränderungen. Egal welche. Schon ein harmloser Wechsel in der Sitzordnung kann sie völlig aus der Bahn werfen.

Verbindlichkeit

Tatsächlich ist Verbindlichkeit für Betroffene so ein Art Rettungsanker. Wenn beispielsweise die Schule pünktlich beginnt, der Unterricht wie geplant stattfindet oder das Mittagessen pünktlich auf dem Tisch steht. All diese kleinen, festen Rituale helfen ihnen, ihren Tag zu überstehen. Leider gibt es immer weniger Verbindlichkeit. Wird beispielsweise ein Ausflug geplant, egal ob in der Schule, der Familie oder im Freundeskreis, der dann kurzfristig abgesagt wird, können Betroffene damit kaum umgehen. Ebenso verhält es sich mit Verabredungen im Freundeskreis. Die inzwischen moderne Unverbindlichkeit, Termine mit vielleicht zuzusagen, um sich dann kurzfristig anders zu entscheiden, überfordert die Betroffenen. Umso wichtiger ist es, dass sie im familiären Umfeld Verbindlichkeit und Verlässlichkeit erfahren, damit ihr Nervensystem wenigstens hier zur Ruhe kommen kann.

Zum Hintergrund

Meiner Erfahrung nach stecken hinter vielen dieser Auffälligkeiten nicht oder nicht regelhaft durchlaufene Entwicklungsschritte. Dabei kann es unter anderem auch zu unreifen frühkindlicher Reflexe kommen. Typischerweise steck meist noch mehr dahinter. In meiner Praxis erlebe ich, dass sich diese fehlenden Entwicklungsschritte mit spezialisierten Therapiekonzepten nachreifen lassen. Wenn Sie wissen wollen, ob damit auch Ihrem Kind geholfen werden kann, lernen Sie mich am besten unverbindlich in einem ersten Telefonat kennen. Buchen Sie sich gerne ein kostenfreies 15-minütiges telefonisches Erstgespräch und wir besprechen in Ruhe, wie ich Sie und Ihr Kind unterstützen kann. Den Link zum Erstgespräch finden Sie direkt unter diesem Beitrag.

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